Schweigen als Kurs?
Eben bin ich aus einem «Schweigetage-Kurs» zurückgekehrt. Fünf Tage mit rund zwanzig Menschen – und trotzdem kein Plaudern, keine Diskussionen, keine Gespräche.
Vielleicht fragst du dich: Warum bezahlt man für einen Kurs, in dem man einfach schweigt? Und noch mehr: Warum gerade ich, die doch so gerne rede und mich austausche?
Die Antwort: Ich habe in den letzten Jahren immer wieder Stille- oder Schweigetage erlebt – manchmal im Rahmen eines Kurses, manchmal allein an einem passenden Ort. Früher hätte ich mir nie vorstellen können, dass mir das gefällt. Heute suche ich die Stille immer öfter – und das Schweigen gehört für mich dazu.
Wenn die Stille lauter wird
Je länger ich schweige, desto deutlicher nehme ich Geräusche wahr: Vogelgezwitscher, Wind, Schritte, Stimmen. Gleichzeitig werden auch meine eigenen Gedanken lauter – manchmal fast aufdringlich.
Genau darum geht es: all das wahrnehmen, aber nicht festhalten. Gedanken und Geräusche loslassen. Schritt für Schritt innerlich zur Ruhe kommen. Für mich lautet die Formel:
Schweigen – still werden – Ruhe finden.

Mehr als Ruhe
Natürlich suche ich Ruhe, doch es ist mehr als das. In der Stille suche ich die Nähe zu Gott.
Mein Glaube wächst und lebt davon, dass ich hinhöre – auf Seine Stimme, auf das, was Er mir zeigen will. Wenn ich ruhig bin, kann ich da sein: um zu beten, um zu singen, um zu lesen, zu atmen, zu schmecken, zu riechen – oder einfach nur: da sein.
Kleine Inseln im Alltag
Wie die meisten Menschen habe ich Familie, Freunde, Arbeit – und damit wenig Zeit, um einfach still zu sein. Genau deshalb brauche ich solche Auszeiten. Doch mit jedem Mal gelingt es mir ein bisschen besser, etwas von der Ruhe in meinen Alltag mitzunehmen. Stille lässt sich üben – auch im Kleinen.
Wie läuft ein Schweigetag ab?
Schweige- oder Stille-Tage sind meist klar strukturiert:
- vier gemeinsame Gebetszeiten
- mehrmals Lesen und Meditation eines Bibeltextes
- oft gemeinsames Singen (meist Taizé-Lieder)
- manchmal Achtsamkeits- oder Atemübungen
Zwischen den gemeinsamen Momenten bleibt Zeit für Spaziergänge, Lesen, Meditieren – oder einfach für das Dasein. Selbst die Mahlzeiten werden schweigend eingenommen.

Ein strukturierter Tagesablauf hilft mir, innerlich loszulassen. Wichtig ist auch der Ort: Zu Hause ist das für mich unmöglich – dort warten zu viele Ablenkungen und unerledigte Aufgaben. In speziellen Stille-Häusern dagegen darf man schweigen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Besonders geprägt haben mich das Haus der Stille in Wildberg (heute: Oase) und das Tessiner Bergdorf Rasa. Beide liegen erhöht – man steigt hinauf und findet oben die Ruhe.

Schweigen als Geschenk
Schweigetage sind für mich keine Flucht, sondern ein Geschenk. Ein bewusstes Aussteigen aus dem Lärm, um innerlich klarer und achtsamer zu werden. In der Stille finde ich Ruhe, Kraft – und Gottes Nähe. In dieser Nähe erahne ich manchmal, wie gross Gott ist und welchen Weg Er für mich vorbereitet hat.
Und jedes Mal nehme ich ein Stück dieser Ruhe und Nähe mit nach Hause.


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