Es gibt Feiertage, die braucht die Welt nicht unbedingt, und sie stehen auf der Liste der «kuriosen Feiertage». Manchmal braucht aber das Herz solche Tage, wie zum Beispiel den Weltklaviertag oder Piano Day. Er fällt jedes Jahr auf den 88. Tag des Jahres – weil ein Standard-Klavier 88 Tasten zum Spielen hat. Der Piano Day am 29. März passt somit perfekt zu meinem Tasten-Blog.
Ins Leben gerufen wurde dieser Aktionstag 2015 vom deutschen Pianisten Nils Frahm. Seine Idee war es, dem Klavier mehr Aufmerksamkeit zu schenken und die fast unendlichen Möglichkeiten dieses Instruments sichtbar und hörbar zu machen.
Dieses Jahr bietet der Piano Day für mich den Anlass, über das Klavier, seine Geschichte und seine Vielfalt nachzudenken und nachzuforschen.
Die Geschichte einer hammermässigen Erfindung
Das Klavier, wie wir es heute kennen, entstand um 1695 durch die Erfindung des Italieners Bartolomeo Cristofori. Sein entscheidender Gedanke war, die Saiten nicht mehr zu zupfen – wie beim Cembalo –, sondern mit kleinen Hämmerchen anzuschlagen. Dadurch wurde erstmals möglich, Töne nur mit Fingerdruck laut (forte) oder leise (piano) zu spielen. Daher entstand der Name Pianoforte, später verkürzt zu Piano.

Der Begriff Klavier kommt vom lateinischen Wort claves, was Schlüssel oder Taste bedeutet. Bis Ende des 18. Jahrhunderts nannte man alle Tasteninstrumente Klavier. Danach setzte sich der Begriff als Bezeichnung für Tasteninstrumente mit Hammermechanik durch.
Das älteste erhaltene Klavier stammt aus dem Jahr 1720, aus der Werkstatt von Cristofori, und befindet sich heute im Metropolitan Museum of Art.
Für mich als Organistin ist es spannend zu erfahren, dass die Weiterentwicklung des Klaviers ab 1726 vom berühmten deutschen Orgelbauer Gottfried Silbermann ausging. Die Schüler von Silbermann verbreiteten den Klavierbau nach Spanien, Portugal, Österreich und England.
Berühmte Pianisten und unvergessliche Musik
Fragt man nach dem berühmtesten Pianisten der Musikgeschichte, fällt oft der Name Ludwig van Beethoven. Er war nicht nur ein grosser Komponist, sondern auch ein virtuoser Interpret. Zu seinen bekanntesten Klavierwerken gehört «Für Elise» – ein Stück, das du vielleicht auch mal gespielt oder bestimmt gehört hast.

Meistens spricht man von berühmten männlichen Pianisten. Doch es gab immer auch hervorragende weibliche Künstlerinnen. In der Gegenwart wird häufig die Argentinierin Martha Argerich als beste Pianistin genannt.
Kuriose Werke gehören ebenfalls zur Klaviergeschichte: Erik Satie hat mit «Vexations» das längste Klavierstück der Welt komponiert. Es besteht bloss aus einer kurzen Melodie mit zwei Variationen, die laut Anweisung 840 Mal wiederholt werden sollen – was extreme Ausdauer erfordert, denn das Stück dauert je nach Spieltempo 12 bis 28 Stunden.

Das Klavier im Film
Manchmal ist das Klavier nicht nur ein Konzertinstrument, sondern ein Instrument, das Emotionen trägt. In den 90-er Jahren habe ich im Kino den Film «The Piano» gesehen. Er erzählt die Geschichte einer stummen Pianistin, die von ihrem britischen Vater nach Neuseeland verheiratet wird und ihre Stimme später durch die Musik findet. Ich erinnere mich noch gut an das Bild des versinkenden Pianos im Meer: Einer der vielen traurigen Momente im Film, als Metapher für Verlust, Sehnsucht und die gewaltige Kraft der Musik.
Andere Tastenwelten: Orgel und Cembalo
Wer meine anderen Artikel auf dem Tasten-Blog kennt, weiss, dass neben dem Klavier auch Orgel und Cembalo zur Familie der Tasteninstrumente gehören. Sie sind deutlich älter – und besitzen eine andere Anzahl Tasten. Bei meinem Cembalo sind es 52 Tasten und bei den Orgeln kann es je nach Anzahl Manualen in ein Vielfaches von 88 gehen.



Bei der Orgel entsteht der Klang durch Luft, die durch Pfeifen aus Holz oder Metall strömt. Das Cembalo dagegen erzeugt seine Töne, indem die Saiten gezupft werden. Sein Klang ist heller und feiner als der eines Klaviers.
Kurios oder kostbar?
Der Piano Day zeigt mir, dass das Klavier mehr als ein Instrument ist. Es erzählt und prägt Geschichten, es erzeugt Stimmungen und Gefühle, es trägt Erinnerungen an besondere Momente oder bestimmte Lieder und Musik. Ich spiele seit beinahe 50 Jahren Klavier und der Klang verleidet mir nie. Im Gegenteil – ich entdecke oft neue Musik oder bloss neue Facts: Die Tasten habe ich nämlich noch nie gezählt, bis ich für diesen Artikel zu recherchieren begann 😄 Der Weltklaviertag mag kurios sein, die Erfindung des Klaviers empfinde ich jedoch als extrem kostbar.
Zu guter Letzt: Meine allerliebsten Klavierstücke sind die «Frösöblomster», eine Sammlung fröhlicher und brillanter Stücke aus der Romantik des schwedischen Komponisten Wilhelm Peterson-Berger.
Welches ist dein Lieblings-Klavierstück?

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