Musikerinnen üben. Punkt. Ob Violine, Gesang oder eben Orgel – ohne regelmässiges Training bleiben Fortschritt und Spielfreude schnell auf der Strecke. Doch während man sich ein Cello oder Klavier (zumindest theoretisch) ins Wohnzimmer stellen kann, ist das mit der Orgel ein wenig komplizierter. Weil neben dem Platz fürs Instrument auch Raum für die Akustik notwendig ist.
Keine Orgel im Wohnzimmer
Ich wohne seit Jahren nicht mehr in einem Dorf mit Kirche. Das bedeutet: Keine spontane Übungseinheit auf der Orgel zwischen Abendessen und Nachtlektüre. (Als Alternative besitze ich immerhin ein Cembalo.) Glücklicherweise habe ich eine Organistinnenstelle in der Kirche Seeberg, nur ein paar Kilometer entfernt. Dort habe ich beinahe uneingeschränkten Zugang zur Orgel – welch ein Glück!
Denn einfach so auf einer Orgel spielen – das geht nicht. Die Instrumente sind in der Regel abgeschlossen, oft sogar die ganze Empore. Und das hat gute Gründe: In meiner Zeit in Adelboden kam es ab und zu vor, dass Touristen mit Wanderschuhen die Empore erklommen – mit der festen Absicht, auf der Orgel zu spielen. Warum das nicht nur unhöflich, sondern dem Instrument gegenüber unzumutbar ist, dazu später mehr.
Plötzlich orgellos
Als die Nachricht kam, dass die Kirche Seeberg wegen einer Heizungserneuerung für mehrere Monate geschlossen bleibt, war das zwar nicht überraschend – aber auch nicht gerade willkommen. Ich war beruflich und privat zu sehr eingespannt, um mich rechtzeitig um eine Alternative zu kümmern. Doch je näher der Umbautermin rückte, desto klarer wurde mir: Drei oder vier Monate ohne Orgel – das geht nicht. Wirklich nicht.

Ein neues Übungsdomizil
Die Kirche Herzogenbuchsee ist ebenfalls nur wenige Kilometer entfernt. Dort steht eine grössere Orgel – sehr reizvoll. Nur: Wer ist dafür zuständig? Ich kontaktierte die mir namentlich bekannte Organistin. Kurz darauf erhielt ich die gute Nachricht: Sie hatte meine Anfrage weitergeleitet und mit den Zuständigen geklärt – ich durfte dort üben. Eine Erleichterung.

Jede Orgel ist anders
Ich bin es gewohnt, auf verschiedenen Orgeln zu spielen. Trotzdem braucht es immer eine gewisse Eingewöhnungszeit: Die Tastenbreite variiert, die Pedale sind unterschiedlich geformt, der Klang kann von oben, hinten oder der Seite kommen. Jede Orgel tönt anders – je nach Bauweise, Pfeifenart und Register.
In Seeberg steht eine Orgel im französischen Stil. Die Register haben französische Namen und die Klangfarben passen perfekt zu französischer Orgelmusik. Herzogenbuchsee dagegen klingt eher deutsch – auch die Registernamen zeigen dies. Doch keine Sorge: Man kann auf beiden Instrumenten Musik verschiedener Epochen und Komponisten spielen. Man muss nur wissen, welches Register welchen Klang verbirgt.

Ein kurzer Ausflug in den Orgelbau
Die Orgel ist (auch) ein Blasinstrument – selbst wenn man das auf den ersten Blick nicht erkennt. Der Ton entsteht durch Luft, die durch die Pfeifen strömt – erzeugt von einem elektrischen Gebläse. Und obwohl viele nur die Manuale (also die Tastaturen für die Hände) kennen, gibt es meist zusätzlich ein Pedalwerk: breitere Tasten, gespielt mit den Füssen.
Daher tragen Organistinnen und Organisten spezielle Schuhe: schmal, mit Ledersohle, oft mit Absatz. Manche spielen sogar mit Turnschläppchen oder in Socken – Hauptsache, sie sind sauber. Nur mit richtigem Schuhwerk sind präzise Bassmelodien möglich.

Warum Orgeln keine Spielzeuge sind
Zurück zu den Touristen in Adelboden. Wer schon einmal an einer Orgel gesessen hat, weiss: Das ist kein öffentliches Klavier mit Holzpedalen, sondern ein empfindliches und komplexes Instrument. Jede Taste ist Teil eines ausgeklügelten Systems, das kontinuierliche Wartung und Pflege braucht. Wer da einfach mal mit schmutzigen Händen und Schuhen „drauflos probiert“, kann ernsthaften Schaden anrichten – ganz zu schweigen von der Respektlosigkeit gegenüber dem Instrument und der Kirche.
Fazit: Zwischen Tasten, Pfeifen und Pedalen
Das Leben als Organistin ist nicht nur von Musik, sondern auch von Logistik geprägt. Es geht nicht bloss darum, was man spielt – sondern wo. Und wie. Jeder neue Ort, jede neue Orgel ist eine kleine Herausforderung und gleichzeitig eine Einladung, sich neu einzuhören, neu einzufühlen.
Zum Glück gibt es viele Kirchen mit offenen Türen, Orgeln mit spannenden Registern und Menschen, die mir den Zugang dazu ermöglichen. Es gibt kaum einen Grund, dass ich mich länger „orgellos“ fühlen müsste.


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